Gleichstellungsbeauftragte Stadt Pinneberg Deborah Azzab-Robinson Weltfrauentag 2019 8. März Equal Pay Day
Birgit Schmidt-Harder

Birgit Schmidt-Harder

Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten Deborah Azzab-Robinson

Der März gehört den Frauen. Morgen, am 8. März, ist Internationaler Frauentag. Und am 18. März ist Equal Pay Day – der Tag, bis zu dem Frauen statistisch gesehen gewissermaßen umsonst arbeiten müssen. Die Pinnebergerin hat mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Pinneberg, Deborah Azzab-Robinson, über geschlechtsspezifische Lohnlücken, Lösungsmöglichkeiten, Altersarmut und die Wirksamkeit des neuen Entgelttransparenzgesetzes gesprochen.

Gender Pay Gap

Liebe Frau Azzab-Robinson, Frauen müssen aufs Jahr gerechnet bis zum 18. März arbeiten, um rechnerisch gesehen das Gleiche zu verdienen wie Männer. Wie hoch ist aktuell der Lohnunterschied?

Die sogenannte statistische geschlechtsspezifische Lohnlücke, die international als Gender Pay Gap bezeichnet wird, liegt nach neusten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bei 21 Prozent. Und sie ändert sich leider seit einiger Zeit nicht mehr in unserem Sinn.

Gegner sagen, das wäre nicht richtig berechnet. In Wahrheit würde der Unterschied nur bei 8 Prozent liegen. Stimmt das?

Der Gender Pay Gap bildet die prozentuale Differenz zwischen Männer- und Frauenlohn im Verhältnis zum Männerlohn ab. Diese Differenz kommt auch zustande, weil typische Frauenberufe wie Erzieherin oder Altenpflegerin schlechter bezahlt werden als typische Männerberufe. Man kann diese strukturellen Ungleichheiten statistisch herausrechnen. Und wenn man das tut, liegt die Lohnlücke immer noch bei 8 Prozent. Und der Witz ist, dass diese 8 Prozent statistisch betrachtet viel mehr Frauen betreffen als die 21 Prozent. Die meisten Frauen arbeiten in Berufen, die mittelbar diskriminiert werden, weil diese finanziell schlechter bewertet werden. Bei den 8 Prozent ist es aber so: Wenn alle Männer und alle Frauen in gleichen Berufen arbeiten würden, würden alle Männer immer noch 8 Prozent mehr bekommen. Ohne jeden Grund. Einfach so. Nur weil sie Männer sind. Und das ist nicht gerecht.

Unbezahlte Sorgearbeit

Was sind die Gründe für diese Lohnungleichheit von Männern und Frauen?

Dafür gibt es mehrere Ursachen. Eine habe ich schon genannt: Klassische Frauenberufe werden schlechter bezahlt als klassische Männerberufe. Das liegt auch daran, dass es beispielsweise in der Industrie und bei den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen strukturell bedingt mehr Stufen in der Karriereleiter gibt als in einem Kindergarten, in einer Schule oder in einem Pflegeheim. Der Dienstleistungsbereich ist arm an Führungspositionen.
Ein weiterer Grund: Frauen wählen oft Berufe, die nicht so gut bezahlt sind. Dann unterbrechen oder reduzieren sie ihre Erwerbstätigkeit, weil sie ein Kind bekommen oder sich um alte oder kranke Familienmitglieder kümmern. Das heißt, sie bauen mehr Fehlzeiten in ihre Erwerbsbiografie ein. Ich finde dieses Wort nicht sachgerecht und spreche lieber von „unbezahlter Sorgearbeit“. Sorgearbeit ist nämlich eine der wichtigsten Tätigkeiten in unserer Gesellschaft.
Ein weiterer Punkt: Die Kinderbetreuung ist teuer – wir in Schleswig-Holstein haben bundesweit die teuersten Kita- und Krippenplätze – und lässt in Sachen Umfang und Qualität stark zu wünschen übrig.
Und die Folgen all dieser Dinge zusammen sind fürchterlich.

53 Prozent weniger Rente

Welche sind das?

Wenn der Frauenberuf schlechter bezahlt wird, rechnet es sich für die Familie besser, wenn sie zu Hause bleibt. Katastrophal wird es, wenn es zur Trennung kommt. Frauen, die in typischen Frauenberufen arbeiten, haben oft einen so niedrigen Grundlohn, dass sie sich mit Kindern allein kaum davon ernähren können und aufstocken müssen. Das ist übrigens auch der Hauptgrund, warum jede dritte alleinerziehende Mutter Hartz IV bezieht. Hinzukommt: Die unbezahlte Sorgearbeit hemmt den Wiedereinstieg in den Beruf. Beides schlägt sich bis zur Rente nieder – Stichwort Altersarmut der Frauen. Der sogenannte Gender Lifetime Earning Gap – die Lücke im Lebenserwerbseinkommen – liegt bei – halten Sie sich fest – 48 Prozent! Und das bedeutet: Wenn ich als Frau einmal ausstiege aus dem Beruf, nur einmal unterbreche, kann ich das nie wieder aufholen. Das Gleiche gilt für Teilzeit. Sie bedeutet: schlechte Rente und damit Altersarmut und Vertiefung von bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen. Oder anders ausgedrückt: Frauen bekommen im Durchschnitt 53 Prozent weniger Rente. Und die bittere Wahrheit ist: Jede dritte Frau in Deutschland ist von Altersarmut bedroht – Tendenz steigend.
Eine weitere Folge: Jede dritte Frau wird im Laufe ihres Lebens von häuslicher Gewalt betroffen. Das betrifft jede gesellschaftliche Schicht. Ich persönlich denke, dass der Lohnunterschied es den Frauen mittelbar schwer macht, aus Gewaltbeziehungen auszusteigen. Genauso wie wirtschaftliche Abhängigkeiten und hierarchische Strukturen. 

Jahrhundertelang unentgeltlich geleistet

Warum werden die typischen Frauenberufe so schlecht bezahlt?

Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Wir leben in einer Konsum- und Leistungsgesellschaft, in der sich alles um Geld dreht. Typische Frauenarbeit wie Kinderbetreuung und Altenpflege aber wurde jahrhundertelang unentgeltlich geleistet. Ihr wurde kein finanzieller Wert zugemessen. Diese Wertzumessung erfolgt aber unter anderem über die Erziehung. Aktuell befinden wir uns gerade in gesellschaftlichen Diskussionen über die Umwertung von klassischer Frauenarbeit. Bestes Beispiel: die Forderung der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Pflegekräfte nach besserer Bezahlung. Dieser Diskurs ist ein Schritt in die richtige Richtung, es ist aber noch Luft nach oben.

Warum suchen Frauen sich denn Berufe aus, die schlechter bezahlt sind?

Das hat viel mit traditionellen Rollenbildern zu tun. Rollenstereotype beeinflussen nach wie vor die Berufswahl. Wir beobachten immer wieder, dass junge Frauen von 300 möglichen Ausbildungsberufen nur aus einem kleinen Segment von 20 bis 30 Berufen wählen. Sie orientieren sich dabei nicht an dem Einkommen, sondern an der Sinnhaftigkeit und an den Werten ihrer Lebenswelt, wie sie Frauen erlebt haben. Heißt: Wer Frauen in der eigenen Welt nur als Erzieherinnen und Verkäuferinnen erlebt, entscheidet sich auch dafür. Es fehlt an Rollenvorbildern. Und an Frauen in der Politik. Mehr Frauen in der Politik bedeuten auch mehr gesetzliche Regelungen zur Entgeltgleichheit und zur Durchsetzung der Geschlechtergerechtigkeit.

Gleichstellungsbeauftragte Stadt Pinneberg Deborah Azzab-Robinson Weltfrauentag 2019 8. März Equal Pay Day

Kostenlose Kinderbetreuung

Nun haben wir aber doch seit 2018 ein Entgelttransparenzgesetz. Hat das nichts gebracht?

Nein. Das hat eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung von Januar 2019 gerade erst nachgewiesen. Erstens gilt es nur für Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten. Obwohl man weiß, dass Frauen eher in Betrieben mit weniger Mitarbeitern arbeiten. Zweitens wissen viele Frauen gar nicht, dass es dieses Gesetz gibt und wie es funktioniert. Und was ich sehr problematisch finde: Die Durchsetzung des eigentlich anerkannten gesellschaftlichen Standards – nämlich geschlechtsunabhängige Bezahlung – wird auf die einzelnen Arbeitnehmerinnen abgewälzt. Sie muss dafür tätig werden. Nicht der Staat.

Rente nicht an Erwerbstätigkeit koppeln

Was glauben Sie, wie man für mehr Lohngleichheit sorgen könnte?

Im zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2017 wurden viele interessante Lösungsansätze aufgezeigt.
Erstens: Ausbau einer bedarfsgerechten, fachkompetenten, flexiblen und vor allem kostenlosen Kinderbetreuung.
Zweitens: Aufwertung und bessere Bezahlung von traditionellen Frauenberufen.
Drittens – und das ist der wichtigste Punkt: Abkoppelung des Erwerbs der Rentenanwartschaften von der Erwerbstätigkeit. Allein dieser Lösungsansatz würde viele Lücken schließen. Fehlzeiten sind, wie ich schon ausgeführt habe, keine Fehlzeiten. Sondern die Erfüllung hochwichtiger gesellschaftlicher Tätigkeiten wie Pflege und Kinderbetreuung. Heute sind alle Rentenanwartschaften an die Vollerwerbstätigkeit gekoppelt. Und das müssen wir überdenken. Dringend. Auch, weil immer mehr Männer sich wünschen, sich mehr in die Erziehung einzubringen.
Viertens: Schaffung einer Grundrente ohne strenge Bedürftigkeitsprüfung. Wir dürfen nicht nur darauf schauen, wer Geld erwirtschaftet hat. Erziehungszeiten werden viel zu gering berücksichtig.

Zeit, Erfolge zu feiern

Das Weltwirtschaftsforum stellte in seinem „Global Gender Gap Report 2018“ fest, dass es noch 202 Jahre bis zu Gleichberechtigung dauert. Haben wir diese Zeit?

Nein. Natürlich nicht. Wichtig finde ich aber in diesem Zusammenhang, dass man nicht nur auf das Negative schaut, sondern sich auch erlaubt, die Erfolge zu feiern. Wir hatten gerade 100 Jahre Frauenwahlrecht. Wir haben eine Verfassung, die die Gleichstellung auf zweifache Weise eingeführt hat: Nämlich einmal in Artikel 3 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Und in Satz 2, der erst nach der Wiedervereinigung eingefügt wurde und in dem der Staat zur Umsetzung der Gleichstellung verpflichtet wird: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Es ist dieser Satz, der eine wirklich große Errungenschaft ist und der unter anderem für die bundesweite Berufung von Gleichstellungsbeauftragten gesorgt hat. Und vergessen wir nicht: Viele unserer Mütter und unserer Großmütter haben Gewalt noch als normal erlebt. Sie durften keine Hosen tragen, nicht wählen, keinen Beruf ausüben, wenn der Mann nicht zugestimmt hat, sich nicht einfach so scheiden lassen.

Deutschland rutschte im Gleichberechtigungsindex um zwei Plätze auf Rang 14 ab. Wieso?

Viel erschreckender finde ich, dass Deutschland 2006 noch auf Platz 6 des Indexes stand. Es liegt daran, dass viele Länder sich viel mehr angestrengt haben und heute weiter und besser in diesem Bereich sind. Deutschland ist auf einen Verdrängungsplatz abgerutscht. Es sind ja keine Rechte gekürzt worden. Es liegt auch daran, dass die Welt vermeintlich unsicherer geworden zu sein scheint. Wenn es Krisen gibt, gibt es auch immer eine Rückkehr zu vermeintlich alten Traditionen. Die sinkende politische Repräsentanz der Frauen spielt auch eine große Rolle. Wir haben so wenige Frauen im Bundestag wie lange nicht mehr.

Nun heißt es doch immer wieder: Was wollt Ihr Frauen eigentlich? Ihr seid doch gleichberechtigt. Ist das nicht so in Deutschland?

Nun, nach dem zu urteilen, was wir in diesem Gespräch alles zusammengetragen haben, ist es wohl nicht so, oder?

Neuverhandlung des Zusammenlebens

Die neuen jungen Feministinnen wie Sophie Passmann und Margarete Stokowski prangern den Stereotyp des alten weißen Mannes an, der nicht auf seine Privilegien verzichten will. Wie sehen Sie das?

Auf vielen Schlüsselpositionen sitzen Entscheider, denen es schwer fällt, sich zu ändern. Den White Angry Man würde ich aber davon abgrenzen. Er speist sich zum einen aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und zum anderen aus dem rassistischen Gedankengut der White Supremacy. Und wendet sich nicht nur gegen Frauen, sondern gegen alles, was anders ist. Und was die jungen Feministinnen betrifft: Jede Generation hat ihre eigenen Facetten und ihren eigenen Beitrag zur Emanzipation. Wir haben früher demonstriert und politisch debattiert. Heute nutzen die jungen Feministen die gesamte Bandbreite der Medien. Sie erreichen Frauen und Gruppen, die wir so nicht erreichen können. Mit der Art und Weise sich einzubringen, leisten junge Feministinnen einen sehr wichtigen Beitrag zum Wandel der Gesellschaft. Mein Eindruck ist, dass die jungen Leute lange nicht mehr so aktiv waren wie jetzt. Eine Rückwärtsbewegung zu vermeintlich alten Traditionen hat auch immer eine Gegenbewegung zur Folge. Die junge Gesellschaft ist viel diverser geworden. Es gibt jetzt das dritte Geschlecht! Eine spannende Zeit ist angebrochen. Wir befinden uns mitten in den Neuverhandlungen und im Neuausrichtungsprozess unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und diese jungen Frauen spielen eine wichtige Rolle dabei.

Zur Person:

Deborah Azzab-Robinson (*1966) ist seit vier Jahren „mit Freude und Engagement“ Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pinneberg. Zuvor war sie in der gleichen Position von 2003 bis 2013 für die Stadt Glückstadt tätig und sprach zwei Jahre lang für die Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Schleswig-Holstein. Davor praktizierte die studierte Volljuristin als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Familien- und Ausländerrecht. Weil sie sich aber schon immer gern gesellschaftspolitisch engagiert hat, bewarb sie sich als Gleichstellungsbeauftragte. Deborah Azzab-Robinson ist verheiratet, hat zwei Söhne (15 und 23), hegt eine Leidenschaft für gute Filme, liebt Gespräche über Gott und die Welt und fährt in ihrer Freizeit am liebsten mit dem Rad.

Save the Dates:

Im Rahmen des Equal Pay Days am 18. März findet zum 10. Mal eine kreisweite Plakatausstellung unter der Federführung der Halstenbeker Gleichstellungsbeauftragten Celia Letzgus statt:

  • 18. März bis 15. April: Plakatausstellung im Rathaus Halstenbek und in den Gemeindebüchereien/VHS, Gustavstraße 6, Halstenbek Schulstraße 9 und Bickbargen 109, Halstenbek
  • 21. März 2019, 17 bis 18.30 Uhr: Führung durch die Plakatausstellung mit Celia Letzgus (Gleichstellungsbeauftragte) Gemeindebücherei/VHS Schulstraße 9, Halstenbek
  • 22. März, 10 bis 12 Uhr: Informationsstand der Gleichstellungsbeauftragten in Kooperation mit dem Sozialverband Deutschland e.V. in der Hauptstraße, Halstenbek
  • 18 bis 24. März: Plakatausstellung in der Kreisverwaltung Pinneberg, im Foyer im ersten Stock Kurt-Wagener-Straße 11, Elmshorn
  • 22. bis 29. März: Plakatausstellung in der VHS Schenefeld, Osterbrooksweg 36, Schenefeld
  • 21. März, 11.30 Uhr bis 13.30 Uhr: Aktionsstand der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Schenefeld und der Beratungsstelle Frau und Beruf Kreis Pinneberg, Stadtzentrum Schenefeld, Schenefeld
  • 18. bis 21. März: Plakatausstellung in der Stadtbücherei, Berliner Straße 17, Uetersen (zu den Öffnungszeiten)
  • 7. bis 21. März: Plakatausstellung in der Stadtbücherei, Rosengarten 6, Wedel
  • 15. bis 29. März: Plakatausstellung im Foyer des Rellinger Rathauses, Hauptstraße 60, Rellingen
  • 14. bis 28. März: Plakatausstellung in der Bibliothek, Am Rathaus 1, Pinneberg (während der Öffnungszeiten)
  • 18. bis 29. März: Plakatausstellung in der Stadtbücherei Tornesch, Klaus-Groth-Straße 9, Tornesch
  • 18. bis 30. März: Plakatausstellung im Foyer des Rathauses, Rathausplatz 1, Quickborn

Fotos: Birgit Schmidt-Harder

07.03.2019

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