Kolumne Liebe Gay Pride Week Schwul Heiratsantrag die Norderstedterin
Maike Heggblum

Maike Heggblum

Kleine und große Glücksmomente

Sind Sie schon einmal auf einer Veranstaltung dabei gewesen, als jemand überraschend einen Heiratsantrag bekommen hat? Mir ist das am vergangenen Wochenende passiert.

Ich bin auf einer Veranstaltung als Gast dabei gewesen. Außer mit waren noch 2.000 weitere Gäste bei dieser Konferenz in unserer schönen Hauptstadt Berlin.

Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich und mit großen Schritten näherte sich die Veranstaltung dem Ende. Lediglich ein Programmpunkt war noch offen.

Plötzlich wird es dunkel im Saal und auf der Bühne steht ein großer schlanker Mann mit Bart und Brille. Er ist aufgeregt, das sieht man auch von meinem Sitzplatz, der etwas weiter hinten ist. Noch immer glauben alle, er sei der Redner für den nächsten Programmpunkt.

Wann fängt er endlich an zu reden?

Hat er seinen Text vergessen?

Wer ist denn das?

In den ersten Reihen beginnen die Menschen zu klatschen. Ich glaube, sie wollen ihm Mut machen.

Im Saal ist es wieder ganz leise.

Er steht noch immer auf der Bühne und bewegt sich nicht. Der Scheinwerfer strahlt ihn an. Und dann, ganz langsam, findet der Mann seine Sprache wieder.

„Ich möchte mich zu allererst bedanken, bei allen Menschen, die mir ermöglicht haben, hier heute zu stehen.“

Aha, also doch der nächste Programmpunkt.

Er redet weiter. Er wolle sich auch bei seinem Partner bedanken, der mit ihm zu dieser Veranstaltung gekommen ist. Die Zeit wäre so schön gewesen.

Was für eine nette Geste. Ich mag es sehr, wenn sich Menschen, die etwas bewegen, sich bei ihren Partnern bedanken. Das zeugt von so viel Respekt.

Zu schön.

Er redet weiter, hört gar nicht wieder auf. Er erzählt von gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamen Hobbys und das nicht alles immer einfach war.

Ach herje, nun muss ich aber schon mehrfach blinzeln.

Auch ihm bricht auf der Bühne jetzt die Stimme weg und er fragt, ob jemand ein Taschentuch für ihn hätte.

Ich brauche jetzt auch eins.

Tief durchatmen.

Auf der Bühne bekommt der Mann von einer Frau im Publikum ein Taschentuch gereicht.

Was kommt als nächstes?

Geht es jetzt im Programm weiter?

Oder wird er…

Wird er ihn etwa fragen, ob er ihn heiraten will?

Wird das etwa ein Heiratsantrag?

Jetzt werde ich nervös. Neben mir werden auch einige andere schon ganz unruhig. Ich meine noch jemanden hinter mir zu hören, der ein Taschentuch benutzt.

Meine Sitznachbarin mag ich nicht angucken, ich habe Angst auch nur eine Sekunde von dem, was auf der Bühne passiert, zu verpassen.

Als nächstes bittet er seinen Partner auf die Bühne. Der ganze Saal applaudiert.

Ein schlanker großer Mann mit kurzen Haaren und ebenfalls mit Bart steht im vorderen Teil des Saales auf und betritt die Bühne über den langen Laufsteg. Noch immer klatschen alle. Ich auch, mit nassen Händen.

Dann wird es leise.

Ganz leise.

Halten außer mir die anderen Besucher auch die Luft an?

Beide Männer umarmen sich, küssen sich.

Wieder klatschen wir alle begeistert.

Sie halten sich an der Hand und schauen sich unendlich verliebt an. Zum Glück denken die Leute vorne jetzt mit und wieder werden Taschentücher auf die Bühne gereicht. Sie gucken sich wieder an, lachen, wischen ihre Tränen weg.

Na los!

Am liebsten würde ich ihn anfeuern. Mach es!

Dann lösen sie sich voneinander.

Er greift in seine rechte Hosentasche und holt eine kleine Schachtel aus der dieser. Seine Hände zittern.

Ein Ring, er holt einen Ring aus der Tasche! Er wird ihn fragen. Jetzt.

Meine Sitznachbarin rechts schnieft laut ins Taschentuch und auch bei mir brechen alle Dämme.

Dann geht er auf die Knie.

Die Frage, die dann kommt, kann ich noch hören, aber sehen nicht mehr wirklich. Ich heule wie ein kleines Kind. Das ist einfach zu schön. Und so überraschend.

Die Antwort?

Es muss wohl ein ja gewesen sein, denn die Leute mit mir im Saal kreischen wie wild und applaudieren. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr.

Ich suche verzweifelt ein neues Taschentuch.

Egal.

Und dann liegen sich die beiden Männer auf der Bühne in den Armen und weinen.

Ich weine auch. Und alle um mich herum. So schön ist es und so echt.

Ich komme mir vor wie ein Wasserfall. Und ich juble und klatsche mit. So laut ich kann.

Irgendjemand hat eine Konfettikanone dabei und lauter kleine Glitzerpapiere, die im Scheinwerferlicht funkeln wie kleine Diamanten, fallen auf die beiden herab.

Noch Minuten, nachdem die beiden händchenhaltend die Bühne verlassen haben, klatscht die Menge.

So langsam schaffe ich es, den Wasserhahn abzudrehen. Mein Make-up? Das ist jetzt wohl in einem der unzähligen Taschentücher gelandet. Aber das ist unwichtig. Im Raum breitet sich eine ganz neue Stimmung aus. Alle lächeln glücklich und sehen verträumt aus. Es scheint, als hätte sich die Liebe von der Bühne wie unsichtbarer Glitzerstaub über uns gelegt.

Erst auf der Fahrt nach Hause, als ich mich wieder an diesen schönen Moment erinnere, fällt mir ein, dass gerade Pride Week ist und ich lächle wieder. Was für ein schöner und passender Tag für einen Antrag. Ich kenne die beiden nicht, aber ich wünsche ihnen von Herzen, dass ihr Traum, später gemeinsam auf einer Parkbank zu sitzen und an diesen Tag zurückzudenken, in Erfüllung gehen wird.

Lang lebe die Vielfalt!

05.08.2019

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